Annas Wunsch

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Annas Wunsch

Beitragvon Stella Rose am Do 27. Sep 2018, 10:36

Annas Wunsch

Anna war vom Supermarkt auf dem Weg nach Hause.
Anna, war 71 Jahre. Vom 14. Lebensjahr bis zum 67. hatte sie hart gearbeitet. Gleich nach der Schule in dem Blumenladen ihrer Eltern mitgeholfen, später in der Fabrik gearbeitet. Eine Lehre hatte sie nicht, sie musste gleich mit im Unternehmen ihrer Eltern anpacken. Ihr Vater war schon in jungen Jahren krank und ist dann auch früh nach schwerer Krankheit gestorben. Ihre Mutter versuchte damals den Laden allein weiter zu führen, doch irgendwann ging es nicht mehr. Ein viel größerer Blumenladen in der Nähe machte ihr Konkurrenz, was ihr dann letztendlich zum Verhängnis wurde.
Mit 22 lernte Anna ihren Mann kennen. Martin arbeitete bei der Post.
Beide führten eine gute Ehe, viel Geld hatten sie nicht, aber sie waren glücklich und zufrieden. Bis Martin an einem Abend vor Weihnachten tödlich verunglückte. Die Polizei stand vor der Tür und brachte ihr die schreckliche Nachricht. Da sie keine Kinder hatten, war Anna nun allein. Freunde und Verwandte ließen sich am Anfang noch blicken und versuchten sie zu trösten, doch dann blieben sie immer mehr weg. Sie hatten Familie oder waren sehr im Job eingespannt, da war keine Zeit mehr für sie über.
Jetzt lebte Anna von einer kleinen Rente in einer zwei Zimmer Wohnung.
Im Supermarkt eben musste sie wieder zwei Teile an der Kasse zurück geben, weil das Geld nicht reichte.
Zuhause angekommen schloss sie die Wohnungstür auf und kam in ihre kleine und kalte Wohnung. Das Geld zum Heizen war knapp und sie versuchte so wenig wie möglich zu heizen. Das hatte inzwischen zu einer chronischen Bronchitis geführt.
Hilfe von den Ämtern und Behörden war nicht zu erwarten. „Uns geht es doch noch gut in Deutschland“, sagte eine Mitarbeiterin beim Sozialamt kürzlich zu ihr. Sie war gut gekleidet und trug teure Ringe an ihren Fingern. „Seien Sie froh das Sie Rente kriegen.“ Sie nahm sie nicht viel Zeit und wollte Annas Anliegen gar nicht weiter anhören. Bedrückt war sie darauf hin nach Hause gegangen.
Manchmal redete sie mit ihrem Martin. Auch wenn der schon seit 10 Jahren verstorben war, fühlte sie sich ihm immer noch nah.
Was hielt sie auch noch auf dieser Welt. „Einfach einschlafen und nicht wieder aufwachen“, dachte sie manchmal. Aber das passierte nicht obwohl sie sich das immer wieder wünschte.
So verging Tag für Tag, die Sorge ums Überleben, die Schmerzen durch ihr Rheuma, dass sie schon Jahre lang quälte.
Zwei Jahre später saß sie eines Abends vor dem Fernseher. Es lief „Hart aber Fair“ mit dem Thema „Altersarmut“.
Es wurde geredet, geredet, geredet. Anna merkte plötzlich wie das Bild vor ihren Augen undeutlich wurde. War der Fernseher kaputt? Nein, es lag wohl an ihren Augen. Sie war müde, unglaublich müde…
Sie beschloss ins Bett zu gehen, ihr war auch etwas schwindelig. Aber sie konnte nicht schlafen. Daher stand sie nach zwei Stunden auf und setzte sich in den Sessel am Fenster. Plötzlich überfiel sie eine unendliche Traurigkeit und der Wunsch zu gehen, aber wohin? Sie nahm das Bild von ihrem Mann in die Hand, das was immer auf dem kleinen Schrank neben dem Regal stand.
„Ach Martin…..“ , Tränen rannen über ihre Wangen. Ihr Blick wendete sich aus dem Fenster. Es war Vollmond. Der junge Mann über ihr war noch auf. Es lief Musik: „Everybody Hurts“ von R. E.M. Ganz leise konnte man es auch in Annas Wohnung hören.
Anna blickte auf den Vollmond, der ihr diesmal besonders groß erschien.
Er wurde immer größer und größer. So hell, so viel Licht…………….
Am nächsten Tag klopfte es an der Tür. Ihr Vermieter hatte sich für 10:00 Uhr angemeldet. Er wollte mit ihr über die Miete im Rückstand reden. Sie war schon zwei Monate im Verzug. Es öffnete niemand. „Jetzt will die sich bestimmt drücken“, murmelte er ärgerlich. „Aber nicht mit mir!“
Er besaß als Vermieter einen Zweitschlüssel und öffnete einfach die Tür.
„Frau Müller!“ rief er, „ich weiß das Sie da sind!“
Es kam keine Antwort. Er ging weiter und sah sie ihn ihrem Sessel sitzen – mit dem Bild ihres Mannes in der Hand.
Sie bewegte sich nicht und antwortete nicht.
Der Vermieter rief einen Krankenwagen und die Notärzte stellten nur noch den Tod fest.
Später traf er den jungen Mann der über ihr wohnt im Treppenhaus. Der hatte mitbekommen das der Notarzt da war. „Was ist passiert?“ fragte er.
„Ach, die olle Müller hat das zeitliche gesegnet. Hat eh nicht regelmäßig gezahlt,“ winkte er ab und ließ den jungen Mann stehen.
Der blieb betroffen zurück. Manchmal hatte er die alte Dame in ihrer Wohnung weinen gehört. Aber er hatte sich nie getraut, sie darauf anzusprechen.
Einige Tage später war die Beerdigung. Er ging hin und war der einzige dort, außer dem Pfarrer und denen die den Sarg in die Erde ließen.
Es war trüb an diesem Tag und es fiel Nieselregen. Am Ende der Beerdigung riss die Wolkendecke etwas auf - nur eine kleine Stelle - und die Sonne blickte hindurch…

Stella Rose
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